Das unterschätzte Weingebiet im Osten Frankreichs
Wenn wir an französische Weine denken, wandern unsere Gedanken oft automatisch nach Bordeaux, ins Burgund oder in die Champagne. Doch heute möchte ich euch in eine Region entführen, die in meinen Augen noch immer viel zu oft unter dem Radar fliegt: das Elsass.

Die Elsässer Weinstraße, die sich malerisch am Fuße der Vogesen entlang schlängelt, ist nicht nur optisch ein absoluter Traum, sondern auch ein echtes Paradies für Weinliebhaber. Gerade wenn ihr euch neu in die Welt der Weine einlest, werdet ihr das Elsass lieben.
Das Elsass als Weingebiet
Auf knapp 15.600 Hektar Rebfläche erstreckt sich das Anbaugebiet wie ein schmales Band von Nord nach Süd. Die Weinberge werden von rund 5.700 Weinbaubetrieben bewirtschaftet, die sich entlang der berühmten Weinstraße (Route des Vins d’Alsace) durch über 70 charmante, blumengeschmückte Dörfer reihen.



Was macht die Weine aus dem Elsass so besonders?
Dafür gibt es vor allem drei spannende Gründe:
- Der Regenschatten der Vogesen: Das Gebirge schirmt die Weinberge vor Regenwolken aus dem Westen ab. Das macht das Elsass zu einer der trockensten und sonnigsten Regionen ganz Frankreichs! Die Trauben können hier perfekt und langsam ausreifen.
- Ein geologisches Mosaik: Die Bodenvielfalt ist enorm. Von Granit über Kalkstein und Ton bis hin zu vulkanischen Böden – dieses abwechslungsreiche Terroir schmeckt man im Glas.
- Fokus auf die Rebsorte: Im Gegensatz zum Rest Frankreichs, wo Weine oft nach ihrer Herkunft (z. B. Chablis) benannt und oft Cuvées (Verschnitte) sind, baut man im Elsass fast immer sortenrein aus. Die Rebsorte steht groß auf dem Etikett, was es gerade für Einsteiger wunderbar übersichtlich macht. Zudem erkennt man die Weine sofort an der Flasche: der eleganten, schlanken Flûte d’Alsace.
Mein persönlicher Reisetipp: Colmar und das Bio-Weingut Fernand Engel
Wer sich aufmacht, die Region zu erkunden, kommt an einem Ort nicht vorbei: Colmar. Conny und ich waren selbst für vier Tage dort und ich kann eine Reise in die inoffizielle Hauptstadt des Elsässer Weins nur wärmstens empfehlen! Die malerischen Altstadtgassen sind ein Traum und gesäumt von etlichen kleinen Shops, die regionale Spezialitäten und natürlich fantastische Weine anbieten. Ein echtes Paradies, um sich durchzukosten.



Und wenn ihr in der Gegend seid, habe ich noch eine ganz besondere Entdeckung für euch: Das Weingut Fernand Engel in Rorschwihr. Wir haben diesen Familienbetrieb vor Ort besucht und waren absolut beeindruckt. Die Geschichte des Gutes begann im Jahr 1949, als Fernand und Elisa Engel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit nur wenigen Hektar den Grundstein legten.
Heute ist der Betrieb gewachsen und bewirtschaftet stolze 62 Hektar Rebfläche – und das seit über 20 Jahren konsequent ökologisch. Damit gehören sie zu den größten Bio-Weingütern des gesamten Elsass!




Auf den kalk- und mergelreichen Böden werden alle sieben klassischen elsässischen Rebsorten angebaut. Das Portfolio ist gewaltig: von unkomplizierten, frischen Alltagsweinen über erstklassigen Crémant d’Alsace bis hin zu edlen Gewächsen aus gleich vier verschiedenen Grand-Cru-Lagen (darunter der bekannte Altenberg de Bergheim oder der Mandelberg). Ein super modernes, top aufgestelltes Weingut, dessen Besuch ein echtes Erlebnis ist!
Entdeckt haben wir das Weingut auf dem Weg vom Schmetterlingshaus in Hunawhir zur Burg Hohkönigsburg. Conny wollte dann gern auf dem Rückweg nach Colmar dort einen Stop einlegen.



Schon gewusst?
Wenn ihr im Elsass Wein trinkt, fallen sofort die traditionellen Gläser auf. Sie erinnern optisch an kleine Biertulpen und andere an langstielige Likörgläser und haben ein unverkennbares Markenzeichen: einen grünen Stiel (die sogenannten Römer).


Der Legende nach stammen diese Gläser aus dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit legten einige Winzer noch mehr Wert auf die produzierte Menge als auf die Qualität der Trauben. Das führte oft dazu, dass die Trauben nicht voll ausreiften und der fertige Wein einen leichten, unschönen Grünstich bekam. Um diesen optischen Makel vor den Gästen zu vertuschen, kam man auf eine clevere Idee: Man servierte den Wein einfach in Gläsern mit einem grünen Stiel! Durch die farbige Reflexion im Glas fiel der Grünstich des Weines überhaupt nicht mehr auf. Heute ist die Qualität der Weine zum Glück über jeden Zweifel erhaben, aber das charmante Glas mit dem grünen Stiel ist als echtes Kulturgut geblieben.





Die Stars im Weinberg: Die beliebtesten Rebsorten
Das Elsass ist ganz klar Weißwein-Land. Die wichtigsten Akteure im Weinberg sind:
- Riesling: Der König des Elsass. Meist trocken, rassig, mit feiner Säure und Zitrus- oder Pfirsicharomen.
- Gewürztraminer: Das aromatische Aushängeschild. Duftet unfassbar intensiv nach Litschi, Rose und exotischen Gewürzen. Meist füllig und weich.
- Pinot Gris (Grauburgunder): Hier oft üppiger, körperreicher und komplexer als seine deutschen Verwandten, mit Noten von Honig und Rauch.
- Muscat: Ein trockener Weißwein, der verblüffend aromatisch nach frischen, knackigen Trauben schmeckt.
- Pinot Blanc (Weißburgunder) & Sylvaner: Herrlich unkomplizierte, frische Alltagsweine.
- Pinot Noir (Spätburgunder): Die einzige zugelassene rote Rebsorte der Region. Früher leicht und fruchtig, wird sie heute zunehmend kräftiger und komplexer.
- Edelzwicker & Gentil (Cuvées): Obwohl das Elsass für sortenreine Weine berühmt ist, gibt es hier auch klassische Verschnitte. Der Edelzwicker ist ein unkomplizierter, süffiger Alltagswein aus verschiedenen zugelassenen weißen Rebsorten der Region. Die hochwertigere Variante nennt sich Gentil und muss zu mindestens 50 % aus den edlen Rebsorten (wie Riesling, Muscat, Pinot Gris oder Gewürztraminer) bestehen.
Der Blick über den Tellerrand: Frankreichs Weinbauregionen
Um das Elsass geographisch einzuordnen, hier ein kurzer Blick auf die anderen großen Weinanbaugebiete in Frankreich:
- Bordeaux
- Burgund (Bourgogne)
- Champagne
- Rhônetal (Vallée du Rhône)
- Loiretal (Val de Loire)
- Provence
- Languedoc-Roussillon
- Beaujolais
- Südwesten (Sud-Ouest)
- Jura & Savoyen
- Korsika
Die 10 bekanntesten Weingüter im Elsass
- Maison Trimbach (Ribeauvillé)
- Famille Hugel (Riquewihr)
- Domaine Zind-Humbrecht (Turckheim)
- Domaine Weinbach (Kaysersberg)
- Domaine Marcel Deiss (Bergheim)
- Domaines Schlumberger (Guebwiller)
- Domaine Ostertag (Epfig)
- Josmeyer (Wintzenheim)
- Albert Boxler (Niedermorschwihr)
- Léon Beyer (Eguisheim)
Meine 5 Geheimtipps für Entdecker (inkl. Naturwein)
- Domaine Vincent Stoeffler (Barr): Ein absoluter Top-Tipp! Stoeffler arbeitet seit über 20 Jahren biologisch und bietet enorm spannende, puristische Naturweine an.
- Domaine Christian Binner (Ammerschwihr): Einer der Urväter der Naturwein-Bewegung im Elsass. Wild, lebendig und voller Energie.
- Domaine Jean-Pierre Rietsch (Mittelbergheim): Kreative, extrem saftige Naturweine. Seine Literflaschen haben echten Kultfaktor.
- Domaine Barmès-Buecher (Wettolsheim): Konsequent biodynamisch. Macht unter anderem einen der besten Crémants d’Alsace überhaupt.
- Domaine Geschickt (Ammerschwihr): Ein kleiner Familienbetrieb, dessen ungeschwefelte Weine echten Charakter haben.
Perfect Match: Was kommt zum Elsässer Wein auf den Teller?
Die gute Nachricht: Elsässer Weine sind phänomenale Speisenbegleiter, da sie fast nie im Barrique ausgebaut werden und somit das Essen nicht überlagern. Passende Rezepte auf meinem Foodblog Gastro-L.E. habe ich direkt für euch verlinkt.
- Riesling zu Seafood & Fisch: Mit seiner feinen Säure der ultimative Begleiter zu Meeresfrüchten, gebratenen Jakobsmuscheln oder gegrilltem Wolfsbarsch und natürlich auch zu diesem Saibling mit Ofenkartoffeln und Kräuter-Beurre-Blanc.
- Pinot Gris zu cremiger Pasta: Grauburgunder aus dem Elsass hat ordentlich Schmelz. Ein absoluter Traum dazu sind hausgemachte Bärlauch-Ravioli mit Parmesanschaum .
- Gewürztraminer zu asiatischer Schärfe: Aromatisch und mit feiner Restsüße der geniale Gegenspieler zu scharfen Gyoza mit Chili-Dip oder kräftigem Munsterkäse. Guten französischen Käse wie den Munster gibt es bei Eric in seinem kleinen französischen Feinkostladen „Monsieur Madame“ in der Industriestraße in Leipzig Plagwitz.
- Pinot Blanc & Sylvaner zum Backwerk: Ideal zu einer ofenwarmen Focaccia oder zum klassischen Elsässer Flammkuchen.
- Pinot Noir zur deftigen Brotzeit: Leicht gekühlt der perfekte Partner zu einem rustikalen Strammen Max oder einer Vesperplatte.
Wie alles begann: Erste Liebe in Straßburg & der „Comptoir des Vignerons Alsaciens“
Unsere Liebe zum Elsass begann übrigens im März 2023: Damals waren Conny und ich zum allerersten Mal in der Region. Wir haben das wunderschöne Straßburg besucht und die historische Altstadt (Grande Île) erkundet.









Am Place Gutenberg sind wir dabei auf eine echte Entdeckung gestoßen: den damals gerade frisch eröffneten Laden „Le Comptoir des Vignerons Alsaciens“. Hier präsentieren sich unabhängige Winzer aus der ganzen Region. Neben großartigen Weinen haben wir dort auch eine fantastische Übersichtskarte entdeckt, die die Route des Vins d’Alsace in 10 anschauliche Etappen unterteilt – der perfekte Kompass für jeden Elsass-Roadtrip!
Bucket-List-Tipp für Straßburg: Der älteste Fasswein der Welt
Wenn ihr in Straßburg seid, gibt es unter dem Zivilkrankenhaus (Hospices Civils) ein gut gehütetes Geheimnis: die Cave Historique aus dem Jahr 1395. Dort unten lagert in einem Eichenfass der älteste flüssige Weißwein der Welt aus dem Jahr 1472! In über 500 Jahren wurde dieser legendäre Nektar bisher nur genau dreimal ausgeschenkt – unter anderem 1944 an den Befreier der Stadt, General Leclerc.
Als Conny und ich im März 2023 in Straßburg waren, haben wir es zeitlich leider nicht geschafft, das historische Spitalgewölbe zu besichtigen. Der Besuch steht deshalb für unseren nächsten Elsass-Trip ganz weit oben auf unserer Bucket List!
Ich hoffe, dieser Ausflug macht euch genauso viel Lust auf die Region wie mir! Schnappt euch eine Flasche, kocht etwas Schönes dazu – und genießt!
Cheers!


